Wir malen Zukunft – Redebeitrag

Aktion Unterholz

Wir malen Zukunft – Redebeitrag

Redebeitrag von Aktion Unterholz auf der Tanzdemo „Bässe statt Baggern“ am 1.9.18 

Wir leben in aufregenden Zeiten. Fast täglich werden wir mit Nachrichten konfrontiert – wieder ein Einsatz im Wald, Festnahmen und Beschlagnahmungen, Konfrontation, Gewalt und immer wieder die Frage danach, was es jetzt zu tun gibt. Das ist zermürbend.

Gleichzeitig wird sich beratschlagt, organisiert, vorbereitet und vernetzt. Und das ist großartig.

Der Konflikt im Hambacher Forst spitzt sich zu. RWE und das Inneministerium wollen den Wald in den nächsten Tagen roden. Mit Bodeneinsätzen, Razzien und Personalienkontrollen bereiten sie all das schon heute vor. Ihre Strategie setzt auf Zermürbung und Angst. Nahezu im Wahn sind sie auf der Suche nach Gründen, um den größten Einsatz der Polizei in der Geschichte des Landes NRW zu legitimieren.

Nach jahrzehntelangen Kämpfen rund um die Tagebaue im Rheinland, in Dörfern, Wäldern und Gruben, ist der Hambacher Forst mittlerweile zu einem Kristallisationspunkt geworden. Kristallisationspunkt für die Frage: Wald oder Kohle?

Sobald der erste Baum fällt, werden wir von der Aktion Unterholz da sein und uns mit Aktionen zivilen Ungehorsams der Rodungsmaschinerie von RWE und dem Land NRW entgegenstellen. Unser Protest wird bunt und vielfältig sein, von uns wird keine Eskalation ausgehen. Denn wir brauchen den Erhalt des Hambacher Waldes für einen sofortigen Kohleausstieg!

Doch wenn wir ehrlich sind, geht es doch längst schon um viel mehr als nur um diese Frage.

Es geht auch um die Frage nach der Gegenwart oder der Zukunft, und damit verbunden um die Geschichten und Bilder die wir von dieser malen. Und es geht um die Beziehungen, die wir im Erzählen und Leben dieser Geschichten und im Malen und Zeichnen dieser Bilder miteinander hier und heute aufbauen.

Auf der Seite der vermeintlich Mächtigen steht die Geschichte der Polizei und des Landes NRW. Sie malen in grau mit den Werkzeugen des Zwangs. Sie versuchen uns zu kriminalisieren und zu zermürben und die Bilder unseres Protestes in ihre Welt zu passen. Ihre Strategie setzt auf Vereinzelung und das Gefühl der Ohnmacht. Sie wollen uns das Gefühl geben, allein zu sein und bereits verloren zu haben.

Ihr gefährlichster Gegner sind unser Mut und unsere Solidarität.

Denn unser Protest ist zu bunt, zu vielfältig, um in Tönen von Grau dargestellt zu werden! Wir sind hier laut und jeden Tag immer wieder anders. Ihre Strategie läuft ins Leere.

Eine kleine Anekdote dazu:

Bei einem Einsatz gestern Nachmittag hat die Polizei die Farben und Keilrahmen von zwei Künstler*innen beschlagnahmt. Ihre Begründung: Man könne die Keilrahmen zum Bau von Speeren und die Farben für Molotowcocktails verwenden. Ihnen wurde sogar ein Malverbot im Wald erteilt!

Wie viel Angst muss ein Staat vor unserer Vielfalt haben, um uns die Farben und Leinwände zu klauen, auf denen wir unsere Bilder malen?

Die Künstler*innen waren im Wald, um die Bäume und Baumhäuser zu portraitieren. Und genauso wie sie, sind wir heute hier, um mit unserem Protest unsere Visionen und Bilder hier auf die Straße zu tragen.

Wenn wir das tun, dann kann die Polizei zwar unsere Farben und Rahmen beschlagnahmen, doch sie vergessen, dass wir die Pinsel sind, die die Zukunft malen!

Ich male und zeichne, so wenig professionell, wie ich Politik mache. Ich würde mich weder als Künstler*in, noch als Politiker*in begreifen, und doch zeichne ich im Politischen Handeln gemeinsam mit anderen die Zukunft.

Eine Freundin von mir hat mich auf die Idee gebracht, dass die Art und Weise, wie wir gemeinsam Politik machen sehr viel mit Kunst und Freundschaft zu tun hat.

Die Kunst lebt vom Risiko und vom Mut, einfach immer wieder aufs Neue etwas auszuprobieren, durchzuhalten, Pause zu machen und einen Schritt zurückzutreten. Und dann weiterzumachen.

Die Freundschaft verzeiht, sie ist bedingungslos solidarisch, aufmerksam und bringt uns eine Tasse Tee, wenn wir sie am dringendsten brauchen.

Die Bilder der Zukunft, die in meinem Kopf und meinem Herzen entstehen, wenn ich auf diese Weise mit anderen zusammen bin, sind Bilder einer Zukunft, in der die Logik des Systems Solidarität statt Konkurrenz ist.

Wir malen Zukunft, in der es nicht darauf ankommt, was eine Person leistet, um anerkannt zu sein, sondern als solche geschätzt wird.

Wir malen Zukunft, in der sich jede Person, unabhängig von Herkunft und Pass frei bewegen kann und die Möglichkeit zu bleiben hat.

Wir malen Zukunft, in der wir füreinander und für die Umwelt Sorge tragen.

Wir malen Zukunft, in der wir mutig sein dürfen, wenn wir mutig sein wollen und schwach, wenn wir schwach sein wollen.

In der wir zusammenstehen und mit einem mutigen Strich eine Rote Linie malen, gegen die Farben des Grau in Grau und der Zerstörung von Mensch und Umwelt.

Lasst uns die Pinsel erheben und gemeinsam diese Bilder malen.

Denn wir malen Zukunft!

Wir haben Pinsel, Farben und Stoffe mitgebracht, um euch nun im Anschluss der Kundgebung die Gelegenheit zu geben, die Bilder der Zukunft zu malen. Wie bei Mr. Ollivanders Zauberstabladen bei Harry Potter, ist jeder Pinsel, wie jeder Mensch ein Unikat. So wie die jungen, zarten, schüchternen Pinsel die Details malen, können die Großen Borstigen die markanten Linien zeichnen. Setzt euch zusammen und beginnt zu malen, mit dem Mut und dem Risiko, das die Kunst eben so mit sich bringt.

Wir wollen die entstandenden Bilder auf die Aktionen zivilen Ungehorsams mitnehmen und damit verdeutlichen, dass unser Protest nicht nur für den Erhalt des Waldes, sondern auch für den Erhalt der Zukunft steht.